Bund gegen Anpassung
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Geburtenkontrolle – Arbeitszeitverkürzung – Gleichheit weltweit
27. März 2018

Konkrete Poesie und Gender-Wahn

Lassen Sie das folgende Gedicht einfach einmal auf sich wirken:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Schlicht, nicht wahr? Man muß es nicht mögen, aber es erinnert durch die Atmosphäre der ruhigen Schau, der kontemplativen Versenkung an die japanischen Haikus, ohne freilich deren Kunstfertigkeit zu besitzen. In seiner Kargheit mag es an die gemalten bunten Vierecke Piet Mondrians anklingen, die ebenfalls nicht jedermanns Sache sind. Aber vor jedem subjektiven Urteil sollte man jede Kunstrichtung nach den von ihren Vertretern formulierten Maximen – Mittel, Zweck und Absicht der entsprechenden künstlerischen Disziplin betreffend – berücksichtigen. Bestand ihr Ziel beispielsweise darin, die Rhythmik farbiger geome-trischer Flächen zum Ausdruck zu bringen, dann werden Malwerke wie jene von Mondrian oder Malewitsch das Resultat sein. Intendiert ein Poet, Wortgruppen in berechneten Konstellationen aneinanderzureihen und wechselweise auf sich wirken zu lassen, wobei das bezeichnende Wort und die bezeichnete Sache eine Einheit bilden, austauschbar sind, dann entstehen Gedichte wie das eben zitierte: Gedichte der »konkreten Poesie«. Diese Kunstrichtung, eine Strömung in der modernen Lyrik, wurde 1955 von Eugen Gomringer ins Leben gerufen. Die Knappheit des sprachlichen Ausdrucks, der »Kurzschluß« vom Wort zur Sache sollen ihm zufolge die Lüge verhindern, die für komplexe Sprachschöpfungen wie den Roman nun einmal konstitutiv sei. Zweifelsohne kann die Sprache als Medium der Kommunikation zur Verständigung, aber ebenso unbestritten der Irreführung dienen; die Komplexität eines Sprachkunstwerks ist hingegen nicht zwangsläufig einer bewußten Falschdarstellungsabsicht geschuldet, sondern entspringt vielmehr der Komplexität der geschilderten Sache: der Entwicklung einer Person (MarcelProust) oder einer Gesellschaft (Emile Zola) in all ihren verwickelten Wechselbeziehungen, die Schilderung derselben Sache unter verschiede-ner Perspektive, die Ausbreitung des zeitlichen Nach- und Nebeneinanders usw. usf. Kein Wunder, daß Arno Schmidt, der letzte Wort-Titan der deutschen Literatur, schlecht auf die konkrete Poesie zu sprechen war. Sie komme wohl von englisch concrete = Beton, grantelte er. Aber gleichviel: das zitierte Gedicht läßt einen männlichen Betrachter imaginieren, der die Eindrücke einer beliebigen Straßenszenerie auf sich wirken läßt: Blumen und Frauen. Und beides ergötzt ihn; er bewundert das Geschaute. 

Eben jene Impression liegt dem zitierten Gedicht tatsächlich zugrunde. Der Verfasser – es ist niemand anderes als der heute 93jährige Eugen Gomringer – hielt sich im Jahre 1951 in Barcelona auf, und in der Prachtstraße Las Ramblas der katalanischen Metropole kam ihm die Idee zu diesem Gedicht; es sollte in seiner ganzen Schlichtheit eine Ode an die Schönheit sein. Es liegt nahe, anzunehmen, daß der Verfasser zum Zeitpunkt seiner Eingebung guter Stimmung war, hochgemut und vielleicht verliebt; wäre er niedergeschlagen und vergrämt gewesen, hätte er vielleicht den Lärm der Menschenmassen, das Quietschen der Straßenbahnen und den Müll thematisiert. Aber er war nun einmal gutgelaunt. Und da er in Bolivien gebürtig ist und infolgedessen Spanisch seine Muttersprache war, hatte er dieses Gedicht ursprünglich in Spanisch verfaßt:

avenidas 
avenidas y flores
flores 
flores y mujeres
avenidas 
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y 
un admirador

In dieser Gestalt prangte das Gedicht bis vor kurzem an einer Außenwand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Angebracht worden war es im Jahre 2011, als die Rektorin einen Poetikpreis auslobte und der Begründer der konkreten Poesie diese Auszeichnung erhielt. Es war auch die Idee der Rektorin gewesen, dieses Gedicht in großen, für Passanten gut lesbaren Lettern auf der Außenfassade des Gebäudes anzubringen. Dort war es unbeanstandet wahrzunehmen – bis die Feministinnen kamen und »Sexismus« witterten. Die Frauenbeauftragten der Hochschule, die sich mit »Sozialem« befaßt, erschnüffelten »einen potenziell [sic] sexistischen Inhalt«, der zu ahnden sei, selbst wenn der Verfasser kein »Sexist« (gewesen) wäre. Folglich sei das Gedicht zu entfernen. Wer an dieser Radikalzensur Kritik übe, müsse ein »Rechtspopulist« und »Antifeminist« sein. Schwarzer locuta, causa finita.

Zuvor wurde aber eine Innen-haltige Delegation zusammengestellt, bestehend aus drei Professorinnen und zwei Studentinnen. Diese akademischen Xanthippen begaben sich zum Domizil des Dichters und quasselten stundenlang auf den Greis ein, um sein »Einverständnis« für die »Neugestaltung der Fassade«, sprich: Vernichtung seines Gedichts zu erlangen. Der alte Mann verstand die Welt nicht mehr. Ebensogut könne man eine Frauendarstellung von Picasso ummalen, meinte er treffend, aber auch gutmütig – denn er bewegte sich auf der Ebene des Arguments, was die Xanthippen einen feuchten Tampon interessierte –, und resümierte abschließend: »Das sind Ignoranten, die wissen nicht, was dieses Gedicht bedeutet.«

Hier irrte der greise Poet leider. Ignoranten sind diese Xanthippen zweifelsohne, aber Ignoranten mit einem ausgezeichneten Riechhirn. Und so erschnüffelten sie die Bedeutung dieses Gedichts: daß es Eugen Gomringer vor 67 Jahren, aetatis suae XXVI, gutging. Sie folgerten haarscharf, daß der 26jährige Dichter neben Blumen auch Frauen mochte, ergo sexuelles Verlangen verspürte. Apage Satanas! Und sie stellten ungehalten fest, daß er bis zum heutigen Tag nicht bereute. Da gab es nur eines: Gewalt – denn Gott will es, und die heilige Alice ebenso.

Wo aber sind hier die Unterschiede zur Inquisition? Nun gut, einen mag es geben: vor 500 Jahren hätte man Eugen Gomringer vielleicht wegen »Teufelsbuhlschaft« verbrannt (nämlich wenn das Gedicht analog dogmenkritisch gewesen wäre, etwa so: Freuden und Pfaffen / oje // Pfaffen und Sünden / oje oje // Freuden und Sünden / prima!). Ein Exorzismus wie in Klingenberg wäre jedenfalls drin gewesen, und bis heute übersteht den nicht jeder. Die heutigen Feministen stehen knapp vor dem Ziel.

(Quelle: »Die Weltwoche«, 1.2.2018)

Peter Priskil

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